Der WPK Geschichte auf den Spuren des Kanalbaus

 

Wer baute den Mittellandkanal?

 Als am 1. April letzten Jahres der einhundertste Geburtstag des Mittellandkanals gefeiert wurde, gedachte man der politischen Entscheidung des preußischen Landtags, der damals der fünften Kanalvorlage zustimmte. Mit den eigentlichen Bauarbeiten wurde im Landkreis Osnabrück jedoch erst im Jahr 1910 begonnen. Vor Baubeginn hatten die zumeist aus Berlin und Hannover angereisten Vermessungsingenieure ab 1906 allerdings mit erheblichen Widrigkeiten zu kämpfen. Erboste Landwirte sabotierten die Arbeiten, indem sie Messstangen ausrissen und Markierungssteine ausgruben. Um den Gutsbesitzer Fisse-Niewedde formierte sich eine Widerstandsbewegung, die Unterschriften gegen das Kanalprojekt sammelte und Protestbriefe gleich an mehrere Minister schrieb.

Bei den hiesigen Landwirten waren die Kanalpläne nämlich alles andere als beliebt – waren sie doch gezwungen, für dieses Projekt wertvolles Ackerland an den Staat abzugeben. Erheblich größere Sorgen machten sich die Bauern allerdings aus einem anderen Grund: sie befürchteten, die Großbaustelle würde ihnen die äußerst knappen Arbeitskräfte von den Höfen weglocken. Denn obwohl mit Löffel- und Eimerkettenbaggern für damalige Verhältnisse modernste Technik verwendet wurde, musste der Großteil der gewaltigen Erdmassen von Hand bewegt werden. Hierzu wurden in den Jahren 1912 und 1913 allein im Landkreis Osnabrück rund 3000 Arbeiter gleichzeitig benötigt.

Während die Landenteignungen nicht zu verhindern waren, besänftigte der Berliner Minister für öffentliche Arbeiten die Bauern mit dem Plan, in großem Umfang ausländische Arbeiter für den Kanalbau zu rekrutieren, um auf Einheimische größtenteils verzichten zu können. Diese kamen dann vorwiegend aus Polen und stellten in der Regel die Hälfte der Belegschaften. Unter welchen Arbeits- und Lebensbedingungen verbrachten diese Saisonarbeiter ihre Zeit im Kreis Wittlage? Dieser Frage gingen die Schüler des Wahlpflichtkurses Geschichte der Ludwig-Windthorst-Schule unter der Leitung ihres Lehrers Dr. Stefan Schubert in den vergangenen Wochen nach.

Berichte der Streckenpastoren und der Streckenärzte aus dem Osnabrücker Staatsarchiv lieferten den Schülern die wichtigsten Arbeitsgrundlagen. Die Ergebnisse sind erschreckend. Die Polen waren auf engstem Raum in Baracken für jeweils 100 Personen untergebracht. Die hygienischen Verhältnisse waren ab 1912, als die Bauarbeiten ihren Höhepunkt erreichten, schlichtweg katastrophal. Die Ärzte stellten regelmäßig einen Mangel an Waschlappen und Handtüchern oder stark verschmutzte Aborte fest. Es kam zu ansteckenden Krankheiten wie der Krätze oder der „Körnerkrankheit“. Herbei handelte es sich um eine Infektionskrankheit des Auges, die durch mangelnde Hygiene oder Wassermangel verursacht wird und zur Erblindung führen kann. Die Schüler Tim Strakerjahn und Eike Meier zeigten sich bei ihren Recherchen erschrocken darüber, wie wenig sich der Staat oder die Bauunternehmen um ihre Arbeiter kümmerten.

Einen der größten Missstände machten Jan Placke und Arne Vollmer im übermäßigen Alkoholkonsum der Arbeiter aus, der regelmäßig von den Streckenpastoren beklagt wurde. In vielen Berichten war zu lesen, dass ein Grossteil der Arbeiter bereits am frühen Sonntagmorgen stark betrunken war, so dass ein Gottesdienst für die zumeist gläubigen Katholiken nicht möglich gewesen sei. Auch unter der Woche traten Probleme des Alkoholmissbrauchs auf und viele Unfälle waren auch auf die Trinkgewohnheiten der Arbeiter zurückzuführen.

Die Schüler zeigten viel Verständnis für die Arbeiter, die unter der äußerst kräftezehrenden Arbeit litten und keine anderen Möglichkeiten sahen, ihre knapp bemessene freie Zeit auszufüllen. Heimweh und die oft beklagte Ausbeutung durch die Kantinenwirte taten ihr übriges.

Polnische Arbeiter wurden von den Tiefbauunternehmen wegen ihrer hohen Belastbarkeit und ihren niedrigen Ansprüchen geschätzt und den deutschen Arbeitern oft vorgezogen. Mit Schaufeln hoben sie den gewachsenen Boden aus, füllten die Kipploren mit dem Erdaushub und entluden sie an anderer Stelle wieder. Flächen mussten angeschüttet und eingeebnet werden, Schienen wurden verlegt und Schüttsteine vom Piesberg sowie der Ton für die Abdichtung der Kanalsohle mussten herbeigeschafft werden. Der Mittellandkanal, der über den Dortmund-Ems-Kanal das Ruhrgebiet mit Berlin verbindet, ist mit 325 km die längste künstliche Wasserstraße Deutschlands. Die Schüler, die als Anwohner mit dem Kanal großgeworden sind, sehen ihn heute nach Abschluss ihres Geschichtsprojekts mit anderen Augen und sind voller Anerkennung für diese große Bauleistung.

Die Ergebnisse des Projekts sind zurzeit in der Aula der Ludwig-Windthorst-Schule Ostercappeln zu besichtigen.

 Quelle: Wittlager Kreisblatt vom 6. Juli 2006